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27. - 30. Juni 2024

»Musik ist mein Ventil«

Die deutsch-finnische Geigerin Laila Nysten gewinnt den diesjährigen IB.SH-JazzAward. Im Interview erzählt die 30-Jährige aus Hamburg von schlaftrunkenen Kritzeleien, von ihrer Liebe zur Improvisation und von der Geige als unterschätztem Jazzinstrument.

Liebe Laila, wie bist du zur Musik gekommen?

Mein Weg zur Musik war vorgezeichnet: Mein Vater ist Pianist, Dirigent und Komponist und meine Mutter spielt Cembalo und Bratsche. Unser Zuhause war immer voller Musik. Schon ganz früh zupfte ich an der Bratsche meiner Mutter herum und mit drei Jahren wollte ich unbedingt selbst Geige spielen. Mit fünf Jahren erhielt ich dann endlich meinen ersten Unterricht.

Die Geige wird vor allem mit klassischer Musik verbunden. Wann hast du gemerkt, dass deinem Instrument auch der Jazz gut steht? 

Ich habe schon als Kind gerne mit meiner Geige und meiner Stimme improvisiert. Nur hatte ich dafür keine Worte und wusste erst recht nicht, dass ich damit schon intuitiv einen Schritt in Richtung Jazz gegangen war. Erste Einblicke in die professionelle Improvisation bekam ich dann in meinem Bachelorstudium der Instrumental- und Gesangspädagogik an der Musikhochschule Lübeck, in dem Jazz, Pop und Folk auf dem Lehrplan standen. Mir gefiel die Improvisation, diese intuitive Musik, die sofort ins Blut geht und weniger verkopft ist. Der Jazz eröffnete mir eine riesige neue Welt. Mit zwei anderen Mitstudierenden gründete ich die Band Analogue Swing – und wir widmen uns vor allem Standards des Sinti Jazz nach dem Vorbild des großen Django Reinhardt. 

In der öffentlichen Wahrnehmung spielt die Geige im Jazz eher eine Außenseiterrolle. Siehst du das auch so? 

Für mich passt die Geige hervorragend in den Jazz – sie ist unendlich vielfältig und ihr immens großes Klangspektrum kann sie gerade in diesem frei gestalteten Genre so schön zeigen. Natürlich ist sie aber ein eher leises Instrument und kann sich ohne kräftige technische Verstärkung nicht in einer großen Big Band durchsetzen. Es gab übrigens schon in den 20er und 30er Jahren ganz berühmte Jazzgeiger – später geriet die Geige im Jazz in Vergessenheit und mittlerweile erkämpft sie sich glücklicherweise ihren Platz zurück. 

Inzwischen studierst du Jazzgeige und Komposition im Master an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg – und schreibst auch eigene Stücke! Was ist dir dabei wichtig?

Musik ist mein Ventil. Über sie verarbeite ich Erlebnisse und starke Gefühle. Und umgekehrt freue ich mich total, wenn Leute nach einem Konzert zu mir kommen und sagen, »Das hat mich total berührt« oder »Darin habe ich mich wiedergefunden«. Das macht mich sehr glücklich.  

Wie komponierst du? 

Ich habe einen Fundus an Textbausteinen und musikalischen Skizzen. Dieser Fundus befindet sich entweder in meinem Handy oder in Notizbüchern. Mal singe ich eine Melodie ins Handy, mal wache ich aus einem Traum auf und kritzle schlaftrunken einen Gedanken auf das Papier. Die Ausarbeitung ist dann die härtere Aufgabe, hier muss ich mich motivieren – mir hilft zum Beispiel eine selbst gesetzte Deadline oder die Zusammenarbeit mit anderen Musikerinnen und Musikern. 

Du stehst in diesem Jahr zum ersten Mal auf einer JazzBaltica-Bühne. Freust du dich? 

Für mich ist Jazz noch immer ein neuer, unglaublich spannender Bereich und ich fühle mich geehrt, mit so vielen Jazzgrößen und -talenten zusammen das Festival gestalten zu dürfen. Ja, ich freue mich riesig! Und meine finnische Familie wird wahrscheinlich auch kommen, um mein erstes Konzert auf einer großen Jazzbühne zu erleben. 

Als diesjährige IB.SH-JazzAward-Preisträgerin genießt du einen Sonderstatus im Line-Up. Hast du schon eine Idee, wofür du das Preisgeld von 5.000 Euro ausgeben möchtest?

Ja, ich möchte es in eine neue Geige investieren! Eine Geige, die – mit einem guten Tonabnehmer ausgestattet – auch gut auf großen Bühnen oder in größeren Ensembles zu hören ist. Den Wunsch habe ich schon länger und freue mich, ihn mir jetzt erfüllen zu können!

Das Interview führte Ann-Kristin Zoike.